Vom Speculum zur Stephanuskirche
Den Jahrhunderte alten Namen hat das Spiegel-Quartier von zwei Höfen am oberen Gurten-Nordhang erhalten. Diese stehen an der Hangkante, wo sich zur Römerzeit eine Beobachtungs- und Übermittlungsstation, ein SPECULUM befand.
Frühes 20. Jahrhundert
Im frühen zwanzigsten Jahrhundert war das Spiegeldörfli ein Quartier von Arbeiterfamilien. Nicht zu weit entfernt waren Gurtenbrauerei, Wander, Seifenfabrik Münger, Gaswerk und mehrere Kleinbetriebe im Sulgenbach. Schlichte Familienhäuser mit fliessendem Wasser in der Küche und draussen, mit Pflanzland und Geräteschuppen, oft auch einem Geissenstall prägten das Bild und waren Ausdruck arbeitsamer Leute. Schul- und Arbeitswege mussten ohne öffentlichen Verkehr bewältigt werden. Das damalige Spiegelpintli war Absteige der Steinbrecher oder Schröter von Gurtensteinbruch. Gediegener war das Schweizerhaus, beliebtes Ausflugsrestaurant, erreichbar mit der Gurtenbahn oder durch die obere Bellevuestrasse. Dort entstanden die ersten komfortablen Mehrfamilienhäuser in der Gurten-Gartenstadt (Foto auf Heinlein-Schokolade). Die Grundlage für ein Beamtenquartier war gelegt.
Zwischenkriegszeit
In der Zwischenkriegszeit wuchsen die beiden Siedlungselemente zusammen, vorwiegend in Einfamilienhaus-Bauweise. Gewerbe oder gar Industrie siedelten sich kaum an; aber zwei Bäckereien, zwei Molkereien, je eine Metzgerei, Drogerie und Spezereihandlung befriedigten die Grundbedürfnisse der wachsenden Bevölkerung. Der Bus fuhr nun durch die ganze Bellevuestrasse.
2. Weltkrieg und danach
Während und nach dem Zweiten Weltkrieg entstand das Quartier um die Hohle Gasse, die Hohliebe, am Hangweg und auf dem Hölzliacker. In einer Primar-Unterstufe und einem Kindergarten wurden vorerst die kleineren Kinder unterrichtet, bald erfolgte der Ausbau bis zum neunten Schuljahr. Die in Gang gekommene Integration gipfelte in der Gründung des selbständigen Kirchenkreises Spiegel mit dem Bau der Stephanuskirche 1956 (Architekt Olivier Moser). Wichtige Akteure in diesem Werden einer typischen Spiegel-Bevölkerung waren der Spiegelleist, Pfarrer Markus Bieler, Primarschul-Vorsteher Samuel Geiser und mit der Sekundarschul-Gründung (1960) Hans Würgler. Zweimal jährlich sangen sämtliche Schulklassen gemeinsam in der Kirche.
Erschliessung Blinzern-Stapfen
Nachdem mehrere Jahre recht isoliert das Blinzerndörfli mit eigener „Koni“-Baracke – dem heutigen Kindergarten – bestanden hatte, fand nach Erschliessung von Blinzern-Stapfen und schliesslich Weidli die Bautätigkeit weitgehend ihren Abschluss. Wichtig war dabei der Ausbau der neuen Spiegelstrasse samt Busverbindung. Einer Gesamtüberbauung des Spiegelplateau (mit ca. 15'000 Einwohnern) hatte ein Auszonungs-Volksentscheid den Riegel geschoben. Die Burgergemeinde Bern hat mit ihrer grosszügigen Haltung und der Aufwertung der beiden Landwirtschaftsbetriebe Jost eine grossartige Landschaftsbewahrung bewirkt.
Sozialstruktur
Die Sozialstruktur ist trotz Priorität von Beamten und Dienstleistungsangestellten recht vielfältig. Ein sogenanntes Bildungsbürgertum überwiegt sicher, aber Hochmut, Spiegeler zu sein, gibt es kaum – man ist das einfach gern. Weil die nahe Stadt einen grossen Teil der Kultur- und Konsumbedürfnisse abdeckt, hat sich kaum ein eigenes Vereinsleben ausgebildet, Detailgeschäfte sind weitgehend verschwunden oder unter Druck. Die Sportanlagen im Schulbereich werden aber rege genutzt und im Kleinen und Privaten ist viel Initiative vorhanden. Die Arbeitsbibliothek verdankt ihre Verwirklichung herrlichen Spiegelfesten, das kirchliche Angebot für alle Alter gipfelt im Jugendtreff Pyramid. Beim Hofladen auf der (namengebenden) Blinzern gibt es einen Kinderspielplatz und an der Stelle des Schulgartens lädt jetzt der Kleine Kulturgarten (IG mit Spiegelleist, Familienverein Spiegel, Verein Spiegel-Blinzern-Plateau) zum Verweilen und Spielen ein. Das Team des Claro-Weltladens sorgt seit zwanzig Jahren voll Idealismus für fairen Handel und Plauderzeit für Kundinnen und Kunden. Die Bühne Spiegel pflegt seit gut 2 Jahrzehnten anspruchsvolles Amateurtheater.
Stephanuskirche
Die Stephanuskirche, im Jahr des Ungarn-Aufstandes auf den ersten Märtyrer getauft, ist in der dominierenden Erscheinung, aber besonders im Innern ein Kleinod: Die lebendig wirkende Sandsteinfront, Perinciolis Kanzel-, Abendmahls- und Taufstein-Reliefs, das Hoffmann-Glasfenster sind zeitlos schön. Die Orgel hat seit ihrem Bestehen durch die begeisterten Organisten und die Organistin neben dem sonntäglichen Spiel viele prächtige Konzerte erklingen lassen (von Max Glauser alljährlich eine Uraufführung, zumeist ein Werk für ein Blasinstrument und Orgel). Der Kirchenchor ist dank beispielhaft grossem Einsatz von Sängerinnen und Sängern unter Stefan Herrenschwand zu einem hervorragenden Laienensemble herangereift. Zum Schluss sei der alljährliche Spiegelbasar mit seinem wunderbaren Flohmarkt, kulinarischen Leckerbissen, viel Spiel und Spass erwähnt, wo verschiedenste Gruppen und Einzelhelfer eingespannt sind und wo sich wirklich „tout Miroir“ trifft.
Verfasser: Heiner Moser
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