Mit Pickle und Schufle

50 JAHRE STEPHANUSKIRCHE SPIEGEL: Kirchlich Engagierte im Spiegel leben Solidarität, die bis nach Afrika und in die Ukraine reicht, entwickeln eine weit verzweigte Ökumene und produzieren hoch stehende Kirchenmusik. Kurzporträt eines lebendigen Kirchenkreises.

«Am 16. März um 15 Uhr seid ihr alle, das ganze Spiegelvolk, auf das Kirchenbauland eingeladen. Dann werdet ihr unter der Leitung des Architekten Olivier Moser ein Parzellchen des Baulandes umbrechen, jene Quadratmeter, auf die dann der Abendmahlstisch zu stehen kommen soll. Ich sehe im Geist euch Spiegeler und Spiegelerinnen mit geschulterten Spaten nach dem Kirchenbauland zum ersten Spatenstich strömen.» Diese Worte finden sich im März 1957 im «Kirchenblettli», dem Vorläufer des heutigen «Kirchen-Spiegels».
Gross und Klein wird ins Vorhaben miteinbezogen. Die Kinder bringen Woche für Woche ein «Füfi» zur Schule und spenden für die kleinste Kirchenglocke. Blumengeschmückt wird sie als Erste der fünf Glocken beim Glockenaufzug am 21. Juni 1958 von der Kinderschar hochgezogen; dies nachdem die Kinder dem Präsidenten des Kirchgemeinderats Köniz stolz in einem Säcklein zwei neue Tausendernoten und 149 blitzblanke Fünfliber übergeben haben. Noch viele Einsätze und Sammelveranstaltungen sind nötig, bis die Stephanuskirche am 15. Februar 1959 feierlich eingeweiht werden kann.

Engagement und Solidarität
Einem Mahnmal gleich leuchtet in der Kirche das grosse Kirchenfenster von Felix Hoffmann, das die Steinigung des Stephanus darstellt. «Der Spiegel möchte damit seine Verbundenheit mit der leidenden, verfolgten Kirche bekunden, aber auch seine Dankbarkeit, dass bei uns friedliche Aufbauarbeit geleistet werden kann, während anderswo dämonische Mächte der Zerstörung am Werk sind», schrieb damals der erste Pfarrer Markus Bieler.
Diesem Versprechen versucht die Gemeinde bis heute zu folgen. Stellvertretend für unzählige Hilfsaktionen sei die jahrzehntelange und bis heute nie unterbrochene Unterstützung für die verfolgten Christen in Ungarn und der Tschechoslowakei erwähnt. Bereits legendär ist der Spiegel-Basar, der dank vielen Freiwilligen in den letzten 31 Jahren den sagenhaften Gesamtbetrag von 779 381 Franken eingebracht hat. Damit werden jährlich wechselnde Werke unterstützt. Ebenfalls Solidaritätsarbeit leistet der seit 24 Jahren bestehende Claro-Laden, der früher «Umdänk-Lädeli» hiess.
Nach einem Aufruf im Kirchen-Spiegel 2006 unterstützt ein Spiegeler Freundeskreis Waisenhauskinder in der Ukraine. Diese leiden an Folgeschäden der Tschernobyl-Kathastrophe oder an sozialen Missständen wie Armut und alkoholsüchtige Eltern. «Unvergesslich bleibt für die Sprösslinge und uns das Ferienlager im Sommer 2007. Die Kinder wohnten bei Gasteltern im Spiegel und zusammen machten wir Ausflüge und feierten sogar noch den 1. August», erzählen Dora und ihr Mann Pfarrer Markus Wyss.

Gelebte Ökumene

Ein Geist der Offenheit prägt die nun 50 Jahre alte Stephanuskirche. Von Beginn an erweist sich die ökumenische Zusammenarbeit mit der Katholischen Pfarrei St. Joseph als fruchtbar, dies in gemeinsamen Gottesdiensten, Morgenmeditationen und punktuell auch in der Kirchlichen Unterweisung KUW. Eine gute Kooperation besteht ebenso mit dem Evangelischen Gemeinschaftswerk und der Lobpreis-Gruppe Spiegel. Zur Kirchenfamilie gehört auch die Äthiopisch-Eritreische Migrationsgemeinde, mit der gemeinsam «Brot für alle»-Gottesdienste gefeiert und Gemeindeabende gestaltet werden. Die jüngste Initiative aus der Gemeinde ist das alle vierzehn Tage stattfindende Taizé-Singen. Altbewährt und von hoher Qualität ertönen die Konzerte des Kirchenchors und die Orgelmusik. «Viele Spiegeler schätzen an der Stephanuskirche die gemeinschaftsbildende Kraft und sehen sie als wichtige Kulturträgerin», sagt Hans Würgler, ehemaliger Schulleiter der Sekundarschule Spiegel.

Ökologie und Zusammenarbeit

Kirchgemeindehaus und Turm sind vor dem Kirchenbau fertiggestellt worden. «Der Turm hat später sogar Untermieter bekommen», berichten Rosemarie und René Bonjour mit ansteckender Freude. Beide wirkten während Jahren als Präsidentin und Präsident des Kirchenkreises. Sie haben mit weiteren Tierfreunden Nistkästen gezimmert und darin wohnt seit 1997 die bedrohte Vogelart der Mauersegler.
Sehr am Herzen liegt die Bewahrung der Schöpfung auch dem engagierten Sigristenpaar Ruth und Rolf Kopp, das den Umschwung und die kirchlichen Räume nach ökologischen Gesichtspunkten pflegt. Die Kirchenräume sind einer Schnitzelheizung angeschlossen, welche ebenfalls die Schulhäuser wärmt.
Schule und Kirche sind im Spiegel ein unkompliziertes, hochmotiviertes Gespann, das den Schülern einen natürlichen und lustvollen Zugang zur Kirche bietet. Mangels Kirche fanden früher die Gottesdienste im Schulhaus statt, im Gegenzug sind heute die Schulkonzerte und Weihnachtsspiele in der übervollen Kirche zu hören.
Apropos volle Kirche: Bereits im Jahr 1983 schrieb Pfarrer Markus Bieler, «dass der Sturm der Kirchenentleerung auch über unsere Gemeinde hinwegfegt.» So strömt nun trotzdem herbei ans 50jährige Jubiläum! Füllt die Stephanuskirche und das Festgelände, es bieten sich viele Leckerbissen, nostalgische und visionäre!

Katharina Widmer

 

<< zurück zu Aktuell